{"id":186,"date":"2012-09-20T08:37:54","date_gmt":"2012-09-20T06:37:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.diemel-net.de\/AtlanticCrossing\/?p=186"},"modified":"2013-05-14T01:45:09","modified_gmt":"2013-05-13T23:45:09","slug":"bordpsychologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.diemel-net.de\/Knuts-Segel-Touren\/blog\/2012\/09\/20\/bordpsychologie\/","title":{"rendered":"Kleine Bordpsychologie"},"content":{"rendered":"<p>Wie geht man mit der Situation des Eingesperrt sein um, mit der Enge an Bord, den kaum vorhandenen R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten und der Reling als Grenze der Flucht? Wie kann man Konflikte vermeiden oder, wenn solche aufgetreten sind, diese l\u00f6sen ohne da\u00df einer auf offener See ausgesetzt werden muss? Was muss man w\u00e4hrend der T\u00f6rnvorbereitung beachten?<\/p>\n<p>So habe ich mir das Thema einmal angesehen und folgendes als Essenz herausgearbeitet:<\/p>\n<p><strong>Die totale Institution<\/strong><\/p>\n<p>Die Situation an Bord unterscheidet sich grunds\u00e4tzlich nicht von der Situation in einem Gef\u00e4ngnis oder in einem Kloster. Soziologen bezeichnen solche Lebensbedingungen als &#8222;totale Institution&#8220;. Es gibt keine Trennung der sonst \u00fcblichen Lebensbereiche Arbeit, Freizeit und Schlaf. Alle T\u00e4tigkeiten werden im selben Lebensraum, unter derselben einzigen Autorit\u00e4t, dem Schiffsf\u00fchrer, durchgef\u00fchrt. Die Kommunikationsm\u00f6glichkeiten sind auf die Crewmitglieder und &#8211; abgesehen vom Sprechfunk &#8211; nur auf diese beschr\u00e4nkt. Alle Rollen an Bord sind relativ festgelegt (Wacheinteilung, Sicherheitsrollen, etc.). Die soziale Dichte &#8211; das Leben auf 10 bis 20 qm Grundfl\u00e4che &#8211; f\u00fchrt zu Stress. Daher ist\u00a0auch in der Sportschifffahrt mit psychologischen Auswirkungen bei einer langen \u00dcberfahrt zu rechnen.<\/p>\n<p>Von den \u00e4u\u00dferen Bedingungen her befindet sich jeder auf dem Schiff in einer existentiellen Situation, d. h. alle seine T\u00e4tigkeiten h\u00e4ngen unmittelbar mit seinem \u00dcberleben zusammen, woraus sich ergibt, dass nicht z\u00e4hlt, was ein Crewmitglied redet, sondern nur was er kann und leistet. Jedes Crewmitglied wird auf diese Weise verglichen mit dem normalen Landleben ein zweites Mal sozialisiert.<\/p>\n<p>Habt ihr schon einmal beobachtet, dass z. B. V\u00f6gel sich mit gleichm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden auf den Telefondr\u00e4hten verteilen und Tiere generell eine pers\u00f6nliche Pufferzone, den Nahbereich, um sich herum verteidigen? M\u00e4nner verstehen das Thema unmittelbar:\u00a0Geht in eine \u00f6ffentliche Toilette. Der Abstand zum n\u00e4chsten besetzten Pissoir ist nahezu immer maximal gew\u00e4hlt. Achtet drauf! Als ideale Distanz zu anderen Menschen wird generell eine Entfernung von 1,20 m bis 1,50 m angesehen. Auf Yachten werden die angegebenen Werte sozialer Distanz, insbesondere der Nahbereich, laufend unterschritten.<\/p>\n<p>Jeder Mensch hat zudem das Bed\u00fcrfnis hat, einen r\u00e4umlichen und zeitlichen Bereich als &#8222;privat&#8220; zu definieren. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass jedes Crewmitglied sich f\u00fcr einige Zeit pers\u00f6nlich zur\u00fcckziehen kann. Hierf\u00fcr kann z. B. die Koje herhalten, was impliziert, das f\u00fcr jedes Crewmitglied eine feste Koje zur Verf\u00fcgung stehen sollte, wo auch private Utensilien untergebracht werden k\u00f6nnen. Diese Privatbereiche sind von allen zu respektieren.<\/p>\n<p>Auch das im Tierreich bekannte Territorialverhalten findet sich &#8211; wenn auch in nicht sehr ausgepr\u00e4gter Weise &#8211; auf Yachten wieder.\u00a0Territorialverhalten\u00a0zeigt sich z. B. durch die Skipper-Kaj\u00fcte, die nur und ausschlie\u00dflich vom\u00a0Skipper benutzt werden darf. Es\u00a0zeigt sich aber auch dadurch, dass Crewmitglieder sich\u00a0Aufgaben suchen und das daf\u00fcr notwendige Territorium f\u00fcr sich beanspruchen, z. B. das Crewmitglied welches gerne kocht und die Komb\u00fcse\u00a0als &#8222;seine&#8220; bezeichnet, oder\u00a0das Crewmitglied welches Navigation \u00fcbernimmt und daher den Kartentisch f\u00fcr sich beansprucht. Beide sehen es als \u00dcbergriff auf ihr Territorium an, wenn andere &#8222;ihre&#8220; Aufgabe\u00a0\u00fcbernehmen m\u00f6chten, ihren\u00a0Raum beanspruchen oder gar ihre Aufgaben \u00fcberpr\u00fcfen. Der Schiffsf\u00fchrer ist nun verantwortlich f\u00fcr alle Vorg\u00e4nge auf dem Schiff, jedoch tut er sicherlich gut daran, wenn er derartige \u00dcberpr\u00fcfungen nur durchf\u00fchrt, wenn dies aus Sicherheitsgr\u00fcnden ihm notwendig erscheint.<\/p>\n<p>Territorialkonflikte sind oft Ausdruck von Konflikten, die mit den Gruppenstrukturen und den Machtanspr\u00fcchen Einzelner zusammenh\u00e4ngen. Scheinbar nichtige Kleinigkeiten eskalieren dann zu tief greifenden Auseinandersetzungen.\u00a0An Land f\u00fchren im Allgemeinen derartige Auseinandersetzungen zu Flucht,\u00a0die auf Yachten jedoch durch die Reling auf den ersten Blick beschr\u00e4nkt ist. Man bezeichnet derartige Reaktionen von Menschen aufgrund der sozialen Dichte als Crowding.<\/p>\n<p>Was m\u00fcssen wir nun tun, um einen derartigen Crowding Stress zu vermeiden? Hier eine Sammlung der wichtigsten Punkte:<\/p>\n<ul>\n<li>klare Rollenverteilung und Hierarchien an Bord<\/li>\n<li>klare Interaktionsbedingungen (wer muss was wann in welcher Form mitteilen oder nachfragen)<\/li>\n<li>gut funktionierende soziale Interaktion<\/li>\n<li>Gruppenzusammenhalt<\/li>\n<li>kooperatives Verhalten<\/li>\n<li>rationale statt emotionale Problemdiskussion<\/li>\n<li>das Wissen, das Crowding entstehen kann, kann die Wahrscheinlichkeit des Crowdings verringern<\/li>\n<li>zeitweiliges Schlie\u00dfen von Schotten, T\u00fcren, um r\u00e4umliche Distanz und R\u00fcckzug zu erm\u00f6glichen<\/li>\n<li>sich selbst suggerieren, dass r\u00e4umliche N\u00e4he auch Vorteile hat<\/li>\n<li>die Crew nicht zu gro\u00df w\u00e4hlen<\/li>\n<li>jedem Crewmitglied seine \/ ihre Koje zuteilen<\/li>\n<li>die Crewmitglieder fr\u00fchzeitig mit dem Gedanken der Enge vertraut machen<\/li>\n<li>Orientierung der Crew auf die gemeinsame T\u00e4tigkeit, damit die Enge in den Hintergrund tritt<\/li>\n<li>Die auf den ersten Blick vorhandene Reling als Grenze zur Flucht kann auch als Chance oder Pflicht angesehen werden, um Probleme aktiv anzugehen und zu l\u00f6sen. Dies kann durch den Skipper gef\u00f6rdert und unterst\u00fctzt werden.<br \/>\n(Siehe Kommentar: Herzlichen Dank, Ernst)<\/li>\n<li>Bei auftretender Bord- bzw. Isolationsdepression als Folge des Stresses das Crewmitglied in die Bordaktivit\u00e4ten mehr mit einbeziehen. Isolationsdepressionen k\u00f6nnen auftreten, wenn aufgrund nicht kompatibler Pers\u00f6nlichkeiten oder zu unterschiedliches seem\u00e4nnisches\u00a0K\u00f6nnen sich Crewmitglieder zur\u00fcckziehen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Aufgabe des Skippers ist es, obige Punkte zu kennen, zu erkennen und zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p><strong>Gruppendynamik an Bord<\/strong><\/p>\n<p>Wenn eine Gruppe zu Beginn eines Urlaubst\u00f6rns an Bord kommt, stellt sie noch keine Gruppe dar. Es handelt sich lediglich um eine Ansammlung von Individuen. Die Gruppe muss sich erst noch &#8222;finden&#8220;. Die Gruppenmitglieder &#8222;beschnuppern&#8220; sich und die spezifischen St\u00e4rken und Schw\u00e4chen stellen sich erst nach ein paar Tagen dar. Es bilden sich dann erst Strukturen und Rangordnungen. Von einem weiss man, dass er der Skipper ist, dieser muss das aber erst noch &#8222;beweisen&#8220;, damit er als solcher auch akzeptiert wird.<\/p>\n<p>Betrachten wir wieder das Tierreich: Rangordnungen werden im Tierreich im H\u00fchnerhof beobachtet: Jedes Huhn tritt zu jedem anderen in eine bestimmte Rangbeziehung, die dadurch kenntlich wird, ob es das andere Huhn selbst hacken kann oder hinnehmen muss, dass es von ihm gehackt wird. Diese &#8222;Hackordnung&#8220; finden wir auch in isolierten Gruppen, also an Bord, wieder.<\/p>\n<p>Die St\u00e4rkung des Wir-Gef\u00fchls ist nun die Aufgabe des Skippers. Je mehr die Mitglieder einer Gruppe zu einer Wir-Gruppe werden, umso st\u00e4rker heben sie sich gegen andere Gruppen, z. B. andere Crews, ab. Eine optimale Gruppengr\u00f6\u00dfe liegt bei ca. 6 Personen. Je gr\u00f6\u00dfer die Gruppe, desto mehr Untergruppen bilden sich. Auf gr\u00f6\u00dferen Schiffen ist es daher wichtig die Gruppenstrukturen zu kennen, da durch geschickte Aufgabenverteilung somit Streitigkeiten vermieden werden k\u00f6nnen und die Gruppen in sich effektiver werden und Leistungen zeigen k\u00f6nnen, die die einzelnen Mitglieder der Gruppe so nicht erreichen k\u00f6nnen, sondern wozu nur die Gruppe als ganzes in der Lage ist und somit emergente Eigenschaften aufweist.<br \/>\n(Siehe Kommentar: Herzlichen Dank, Ernst)<\/p>\n<p>Wie reden Gruppen miteinander und tauschen Informationen aus? Hier gibt es drei wesentliche Kommunikationsarten:<\/p>\n<ol>\n<li>Vollstruktur: Jeder redet mit jedem<\/li>\n<li>Sternstruktur: Einer, der Skipper, redet mit allen einzeln<\/li>\n<li>Kettenstruktur: Der Skipper redet mit Leadern, die wiederum mit den Teilen der Crew reden<\/li>\n<\/ol>\n<p>W\u00e4hrend in\u00a0der Vollstruktur\u00a0die Kommunikationsgeschwindigkeit am h\u00f6chsten ist, ist die F\u00fchrungsrolle des Skippers in der Vollstruktur eher unbestimmt und in der Sternstruktur am gr\u00f6\u00dften. Die Zufriedenheit der Crewmitglieder ist h\u00e4ufig in der Vollstruktur am gr\u00f6\u00dften, in der Kettenstruktur mittel und in der Sternstruktur am geringsten. Die Effektivit\u00e4t der Schiffsf\u00fchrung ist in Kriesensituation sicherlich am h\u00f6chsten zu bewerten. So sollte jeder Schiffsf\u00fchrer einige selbstkritische Gedanken auf seinen F\u00fchrungs- und Kommunikationsstil verschwenden. Sicherlich ist bei kleinen Crews eine sternf\u00f6rmige Kommunikation nicht angemessen, jedoch sollte nicht jede Entscheidung basisdemokratisch in einer Vollstruktur diskutiert werden. Die Kommunikation des Skippers erfordert in der Vollstruktur mehr F\u00fchrungsqualit\u00e4ten, \u00dcberzeugungskraft und Sachautorit\u00e4t als bei der Kommunikationsstruktur vom Typ Stern oder Kette, bei denen die F\u00fchrungsrolle perse strukturell abgesicherter ist.<\/p>\n<p><strong>Fazit:<\/strong><\/p>\n<p>Menschen sind au\u00dferordentlich anpassungsf\u00e4hig, auch an die ung\u00fcnstigsten Bedingungen auf hoher See und in beengten Verh\u00e4ltnissen. Sind die Mechanismen bekannt und werden sie transparent gemacht, so\u00a0sind massiven Auswirkungen kaum zu erwarten, solange sich Menschen den Verh\u00e4ltnissen an Bord und auf See <em>freiwillig<\/em> aussetzen. Es ist die Aufgabe des Skippers, sich mit der Gruppe auseinanderzusetzen und Eskalationen fr\u00fchzeitig zu begegnen. Da ich weiss, dass auch &#8222;mein Skipper&#8220; sich mit diesen Punkten schon\u00a0besch\u00e4ftigt hat, wird es hier sicherlich zu keinen Problemen kommen. Aber ich werde dandn ja berichten&#8230;<\/p>\n<p>F\u00fcr weitere Informationen zum Thema Bordpsychologie k\u00f6nnt ihr auch nachlesen in Michael Stadler, Psychologie an Bord, Delius Klasing Verlag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie geht man mit der Situation des Eingesperrt sein um, mit der Enge an Bord, den kaum vorhandenen R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten und der Reling als Grenze der Flucht? 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